Welche Relevanz haben digitale Plattformen für den Mittelstand?

  • Experten-Stimme

In den nächsten 5 bis 10 Jahren gehen Experten von einem weiteren Anstieg der Relevanz von Plattformen im Mittelstand aus.6 Dabei bleibt die Bedeutung der Nutzung von Plattformen anderer Anbieter weiterhin höher als der Betrieb einer eigenen Plattform. Die Plattformanwendung im Geschäftskundenbereich (B2B-Kontext) wird für den Mittelstand die Plattformen für Verbraucher (B2C) in ihrer Bedeutung überholen. Das sind die Ergebnisse einer Umfrage im Mittelstand-Digital-Netzwerk.

Eigene Plattform erstellen oder vorhandene nutzen?

Für Plattformen stehen die notwendigen Technologien für die Anwendung in der Breite zur Verfügung. Damit können Mittelständler einzeln oder im Verbund eigene Plattformen in ihrem Spezialgebiet aufbauen. Dabei fällt die Entscheidung zwischen „nutzen“ und „selbst aufbauen“ häufig dadurch, dass keine geeignete Plattform für die eigenen Bedürfnisse vorhanden ist. Für große Plattformen spricht aber die Skalierbarkeit (kaum zusätzliche Gesamtkosten bei zusätzlichen Nutzern, aber zusätzlicher Umsatz). Daher muss die Wirtschaftlichkeit von Plattformen in Nischensegmenten im Einzelfall betrachtet werden.

Maßgeschneiderte Lösungen für Kunden haben Zukunft

Zunehmend wichtiger werden technologische Plattformen zur Bildung von Ökosystemen, Vermittlungsplattformen für dezentrale Wertschöpfungsnetzwerke und Datenauswertung as a Service. Dabei geht es zum einen um die Unterstützung bei der Prozessoptimierung, wie Zugriff auf Rechenleistung, Datenanalysen und Visualisierungen bei der Auswertung von Fertigungsdaten.7 Zum anderen werden Plattformen im Kontext hybrider Produkte8 und smarter Dienstleistungen9 immer wichtiger. Damit können Unternehmen die eigenen Angebote mit Leistungen anderer ergänzen, um etwa individualisierte Servicelösungen anzubieten. Künftig wird es für viele Unternehmen weniger darauf ankommen, Technologieführer in einem bestimmten Bereich zu sein. Wichtiger wird es sein, Kunden eine maßgeschneiderte Lösung zu bieten, häufig zusammen mit Kooperationspartnern. Dafür ist es notwendig, dass die Einzelleistungen und Produkte der Partner miteinander kombinierbar sind. So können Unternehmen mithilfe von Plattformen z. B. die Entwicklung ihres Angebots von „Anlagenbau und -verkauf“ bis hin zum hybriden Produkt „Maschinenvermietung inklusive vorausschauender Wartung“ vollziehen. Entscheidend ist es dabei, passende Kooperationspartner für das ergänzende Angebot zu finden.

Erfolgsfaktoren für eine eigene Plattform

Der Aufwand für den Einstieg in das Plattformgeschäft ist bei der Nutzung anderer Plattformen, insbesondere bei standardisierten Prozessen geringer. Der Aufbau und Betrieb einer eigenen Plattform ist aufwändiger und mit höheren Risiken verbunden, bietet jedoch deutlich höhere Potenziale zur Umsatzgenerierung, zum Aufbau neuer Geschäftsmodelle und Besetzung neuer Marktsegmente sowie zur Ausweitung der eigenen Marktanteile durch die direkten Kundenbeziehungen. Voraussetzung für eine erfolgreiche Plattform ist einerseits das Erreichen der kritischen Masse an Nutzern, um Größenvorteile und Netzwerkeffekte zu nutzen. Andererseits muss ein Unternehmen einschätzen, wie Konkurrenten, Kunden und Zulieferer auf die Veränderungen des Marktes durch die Einführung einer Plattform reagieren werden.

Eine mögliche Vorgehensweise beim Aufbau einer eigenen Plattform ist es, sie zunächst nur selbst zu nutzen und sie sukzessive für andere Unternehmen zu öffnen. Dabei können perspektivisch vor allem Cloud-Anwendungen (Platform as a Service) unterstützen: Sie stellen die für die Plattform nötige Rechenleistung und Software zur Verfügung. So wird für weitestgehend standardisierte Plattformen eine einfache Implementierung möglich. Später kann die Anwendung dann weiter individualisiert werden. Für die Anwendung von Plattformen benötigt ein Unternehmen eine hohe Innovationsfähigkeit und ein professionelles Innovationsmanagement. Nur so kann es diese Neuerungen erfolgreich umsetzen.

Autor

Prof. Dr. Carsten Schultz
Teilprojektleiter Innovationsmanagement

Prof. Dr. Carsten Schultz

Dieser Beitrag ist in der Broschüre „Digitale Plattformen als Chance für den Mittelstand“ erschienen und kann hier heruntergeladen werden.

Quellen:

6 Diese Studie wurde auf Basis einer Expertenumfrage erstellt. In einer Online-Umfrage und in strukturierten Interviews beurteilten Experten aus dem Mittelstand-Digital-Netzwerk Möglichkeiten, Hemmnisse und Anwendungsfelder von digitalen Plattformen. Für weitere Ausführungen zur Methodik siehe S. 21.

7 Stamm et al. (2019), S. 27.

8 Als hybride Produkte werden Leistungsbündel mit Sach- und Dienstleistungsanteilen verstanden.

9 Smarte Dienstleistungen basieren auf der Sammlung und Auswertung von Daten. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse können für die Verbesserung des Leistungsangebots genutzt werden

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