Digitaler Nahverkehr – Stadtwerke Neumünster

  • Digital Challenge

Egal ob e-Ticketing oder intelligentes Lademanagement für e-Busse. Die Digitalisierung spielt auch im Nahverkehr eine wichtige Rolle und könnte die Art und Weise, wie die Mobilität von morgen aussieht, entscheidend verändern. Wir haben mit Torben Rakow und Sonja Kessal von den Stadtwerken Neumünster über die Chancen und Herausforderungen gesprochen.

Photographs by Radosław Drożdżewski (User:Zwiadowca21) wikicommons

Was bedeutet Digitalisierung im Nahverkehr?

Torben Rakow: Bei der Digitalisierung im Nahverkehr denken wir zuerst an das Thema e-Ticketing. Beim digitalen Ticketing sind wir in Deutschland leider noch sehr weit hinten. Anders als zum Beispiel in Skandinavien oder Amerika oder bei der Londoner Oyster-Card, wo das eTicket schon zum Selbstverständnis gehört. Bei uns gibt es aber deutlich höhere Hürden. Der Hamburger Verkehrsbund hat fast sieben Jahre benötigt, um ein E-Ticketing auf die Straßen zu bringen. Genauso kann die SWN Verkehr nicht alleine entscheiden, sondern ist an Regularien gebunden, welche sich aus der Mitgliedschaft im Tarifverbund SH-Tarif ergeben. Es müssen also immer alle beteiligten Unternehmen im Verbund gemeinsam entscheiden. Aktuell möglich sind nur kleine Pilot-Projekte. Die Stadtwerke Lübeck testen beispielsweise gerade ein System Hopp-On Hopp-Off per Smartphone. Das Smartphone wird hierbei geortet und es erfolgt eine automatische Fahrgeldabrechnung. Ein Großteil der Kunden hat heutzutage ein Smartphone und wir überlegen, wie man dies in den Ablauf der Busfahrt mit integrieren kann. Sei es beim Thema Ticketing oder beispielsweise beim Thema Echtzeit – also die aktuelle Fahrplanlage des Busses. Auch das sogenannte Ridepooling ist im Moment ganz groß in den Medien und fließt bei uns in die Digitalisierungsstrategie mit ein.

Was ist Hop On Hop Off?

Das sogenannte Hop On Hop Off findet man vor allem bei Stadtrundfahrten. Gäste haben die Möglichkeit bei Sehenswürdigkeiten auszusteigen und später wieder zu zusteigen, um zur nächsten Sehenswürdigkeit zu fahren.

Und welche Themen gibt es darüber hinaus?

Torben Rakow: Heute und in der Zukunft müssen wir uns Fragen stellen wie: Brauchen wir überhaupt noch diese großen Gefäße oder kann man zu bestimmten Zeiten auf kleinere Gefäße umsteigen? Wie individuell können wir diese Gefäßgrößen anbieten? Welche Bedienhäufigkeiten können wir an bestimmten Haltestellen anbieten? Der Traum eines Fahrgastes ist die selbstbestimmte Mobilität, der Bus soll also genau dann kommen, wann der Fahrgast es möchte und genau dort hinfahren wo er möchte. Trotzdem möchte der Fahrgast weniger bezahlen als bei der Nutzung eines Taxis oder gar eines eigenen Autos. Hier müssen wir reagieren und überlegen, wie wir die richtigen Gefäße zu jeder gewünschten Zeit dort hinbringen, wo der Bedarf ist. Hier kann uns die Digitalisierung unterstützen. Wir können auf große Datenmengen – Stichwort BigData - zurückgreifen, nicht nur über das heutige Ticketing. Hierdurch können wir Antworten auf folgende Fragen finden: Wie bewegen sich die Menschen? Wo sind die Bevölkerungsströme? Wo sind unsere heutigen Kunden? Wo sind mögliche neue Kunden? Welche Ziele haben sie, wo können wir sie hinfahren?

Was ist Big Data?

Mit Big Data werden Datenmengen bezeichnet, die so groß oder komplex sind, dass sie nur mit den Methoden der Datenverarbeitung ausgewertet werden können.

Sie hatten gerade vom individuellen Nahverkehr gesprochen. Da gibt es inzwischen auch Unternehmen, die das anbieten. Die genau damit arbeiten, dass man sich per App anmeldet und ein Shuttle die Fahrgäste einsammelt, um sie dann zum Ziel zu bringen. Sehen Sie sich da in einer Art Konkurrenz-Situation zur Privatwirtschaft?

Torben Rakow: Jein, nur in Teilen. Es gibt den Früh- und Spätverkehr, wo die Busse nicht voll sind. Das sind Fahrgastmengen, die man auch mit einem kleineren Gefäß befördern könnte. Aber wir haben hier in Neumünster natürlich auch den Schüler- und Berufsverkehr. Es gibt einfach Zeiten, in denen die kleinen Gefäße nicht ausreichen. Hier wären dann sehr viele Shuttle von Nöten, welche alle hintereinander herfahren - was dann das Ganze wieder ad absurdum führt. Ich würde hier also nicht von einer Konkurrenz-Situation sprechen, sondern einer Ergänzung zum ÖPNV.

Damit hilft die Digitalisierung auch bei der Nachhaltigkeit, finanziell und ökologisch.

Torben Rakow: Genau. Auch das Thema eMobilität hängt fließt hier mit ein. Die EU gibt vor, dass ab 2022 emissionsfreie Fahrzeuge beschafft werden müssen. Die SWN Verkehr hat bereits heute einen sehr hohen Standard erreicht, da wir ausschließlich Dieselbusse mit der besten Schadstoffklasse (Euro 6) im Fuhrpark haben. Somit leisten wir auch hier den Beitrag zu Nachhaltigkeit und Ökologie.

Es gibt Städte, die angefangen haben ein Ticket für alle Verkehrsmittel einzuführen, also auch Bike-Sharing, Car-Sharing und die E-Scooter. Wäre das auch eine Möglichkeit für Neumünster?

Torben Rakow: Auf jeden Fall, das ist nicht ausgeschlossen. Wir haben hier im Moment noch keine weitere Mobilitätsform, jede gerade genannte Mobilitätsform könnte man aber auch für Neumünster adaptieren. Ob es dann angenommen wird ist die zweite Frage. Wobei da das Thema Tarif – wenn es denn ein gekoppelter Tarif mit dem heutigen ÖPNV sein soll – wieder eine Herausforderung wird.

Was ist Ridepooling?

Beim Ridepooling melden sich Nutzer*innen über eine App zu einer Fahrt an. Ein Algorthytmus berechnet dann die passende Fahrgemeinschaft, die vom Fahrer nur noch eingesammelt und zum Ziel gebracht werden muss.

Welche Rolle spielt die Digitalisierung bei Ihnen in der Verwaltung oder in anderen Bereichen?

Torben Rakow: In der Werkstatt spielt sie eine große Rolle. Die Busse werden immer mehr zu Computern. Wir führen gerade ein System ein, mit dem unsere Werkstatt einen Live-Zugriff auf sämtliche Motordaten hat und sehen kann, ob eines der Fahrzeuge gerade eine Störung oder eine Fehlermeldung zeigt. Wir können also unsere Instandhaltungskosten durch vorbeugende Maßnahmen senken. Bei eBussen haben wir beispielsweise das Thema Lademanagement. Unsere Umläufe sind heute so gebaut, dass die Fahrzeuge maximal ein Mal am Tag getankt werden müssen. Die Fahrzeuge werden also in den Abendstunden gewaschen und getankt und können am nächsten Tag wieder komplett fahren. Die eBusse haben eine deutlich geringere Reichweite – zu Mal Großverbraucher wie Klimaanlage oder Heizung diese noch weiter reduzieren – hier müssen wir also den kompletten Betriebsablauf ändern bzw. unsere Umläufe anpassen. Ohne entsprechende IT-Systeme könnten wir diese Herausforderung nicht bewältigen.

In der Verwaltung selbst sind wir schon recht gut aufgestellt, was die Digitalisierung angeht. Hier ist der Vorteil, dass wir nach DIN ISO 9001 (Qualitätsmanagement) zertifiziert sind. Ein Bestandteil der Zertifizierung ist u.a., dass wir uns unsere Prozesse immer wieder anschauen und hinterfragen, wie wir effizienter werden können.

Intelligentes Lademanagement

Mit einem intelligenten Lademanagement werden Ladezeiten und Reichweiten der e-Busse mit den festgelegten Routen und Fahrplänen der Verkehrsbetriebe zusammengebracht. Dabei werden auch Zwischenladungen sowie erhöhter Stromverbrauch (z.B. durch eine Klimaanlage) mit einberechnet.

Wie gehen Ihre Mitarbeiter*innen mit der Digitalisierung um? Ich weiß aus anderen Unternehmen, dass es in Teilen der Belegschaft zu Widerständen kommt und das Methoden entwickelt werden, um die Digitalisierung Schritt für Schritt einzuführen, mit Akzeptanz der Mitarbeiter*innen.

Sonja Kessal: Ja, da gibt es Unterschiede. Im Bereich Verwaltung und Werkstatt ist die Hemmschwelle ganz gering. Im Bereich Fahrpersonal ist es sehr unterschiedlich, je nach Alter und persönlicher Einstellung. Wir führen gerade unsere jährlichen Fahrerschulungen durch. Diesmal haben wir ein Modul eLearning eingebaut. Aber weil allein das Wort eLearning bei einigen schon eine Abwehrhaltung erzeugt, haben wir einfach ein kleines Spiel daraus gemacht, um die Hemmschwelle zu senken.

Torben Rakow: Bei uns hängen zum Beispiel viele Zettel an der Informationstafel für das Fahrpersonal. Unser Ansatz war, diese Tafel zu digitalisieren und stattdessen einen großen Monitor aufzuhängen. Weiterhin könnte man die Informationen über ein Webportal zur Verfügung stellen – schließlich hat ein Großteil unserer Mitarbeiter ein Smartphone. Diese Vorschläge wurden allerdings auf der Betriebsversammlung abgelehnt, da die Kolleginnen und Kollegen sich mit der heutigen Darstellung gut arrangiert haben. Es gab Bedenken wie „Mein Smartphone geht mal nicht, die Batterie ist leer, ich habe es vergessen, …“. Interessanterweise kommt das Thema nun aus der Belegschaft langsam wieder, da sich die Kommunikationswege mehr und mehr ändern. Andere Verkehrsunternehmen haben Anreize wie einen Chat mit der Geschäftsführung in das System integriert.

Gamification und eLearning

Die Stärke des Spiels werden beim Gamification-Ansatz in eine Nicht-Spiel-Umgebung übertragen, um höhere Lernerfolge zu erzielen. Beim Spielen ist es zum Beispiel möglich verschiedene Perspektiven einzunehmen, um so auch komplexe Sachverhalte zu verstehen. Zudem laden Spiele zur Kurzweiligkeit ein und motivieren so den Lernenden zum Weitermachen.

Spielt die Digitalisierung bei Ihrer jetzigen Kommunikation eine Rolle?

Torben Rakow: Selbstverständlich. Nehmen Sie das Thema Beschwerdemanagement. Früher kam ein Großteil der Kundeneingaben telefonisch oder per Brief. Heute erhalten wir eMails bzw. Rückmeldung über unsere Facebook-Seite. Die neuen Medien spielen hier eine große Rolle. Wir würden sie auch gerne noch mehr als heute schon nutzen, müssen aber selbstverständlich immer das Thema Datenschutz im Auge behalten.

Wenn wir ein bisschen weiter in die Zukunft blicken. Welche Potenziale ergeben sich durch die Digitalisierung?

Sonja Kessal: Die Nutzung des ÖPNV wird attraktiver werden, wenn der Kunde Echtzeitangaben hat und keine Kenntnisse über den Tarif mehr benötigt. All diese Dinge kann er künftig über sein Smartphone abfordern.

Viele haben ja auch Angst Bus zu fahren, weil sie irgendwo hinfahren, wo sie sich nicht auskennen und dann Angst haben, die Bushaltestelle nicht wieder zu finden.

Sonja Kessal: Genau, hier hilft das Smartphone. Spannend ist dabei der multimodulare Ansatz. Also zu sagen, ich fahre per App mit Bike-Sharing zur Haltestelle, steige in einen autonom fahrenden on-demand-Shuttle und leihe mir am Zielort für die letzte Meile einen E-Scooter. Alles in einer Kette, nur noch ein Bezahlvorgang. Für den Kunden einfach, sehr einfach.

Vielen Dank für das Interview

Die Stadtwerke Neumünster waren Teilnehmerin bei der Digital Challenge 2019. Im Zuge der einwöchigen Veranstaltung haben zwei Studierenden-Teams neue Geschäftsmodelle entwickelt. Das eine Team schlug einen on Demand-Bus vor, der per App gerufen werden kann und durch Werbung finanziert wird. Die zweite Gruppe stellte einen Door-To-Door-Service für Unternehmen vor, bei dem die Arbeitnehmer eingesammelt und zum Betrieb bzw. nach Hause gefahren werden.