Digitale Müllentsorgung bei Remondis Region Nord

  • Digital Challenge

Die Digitalisierung macht auch vor der Müllentsorgung nicht halt. Warum die digitale Mülltonne keine Zukunftsmusik ist und wie Unternehmen Kommunen bei der Umsetzung einer Smart-City helfen können, erfahren Sie in unserem Interview mit dem Geschäftsführer der Remondis Region Nord Matthias Hartung und Projektmanagerin Kristina Diener.

Was bedeutet Digitalisierung für Sie?

Matthias Hartung: Digitalisierung ist ein Thema, welches uns in der Berufswelt schon sehr lange beschäftigt. Bereits in meinem Ausbildungsbetrieb waren es die ersten Schritte mit einem ERP-System, um Materialien auszuliefern. Heute gehen die Schritte viel weiter. Digitalisierung ist eine Möglichkeit der Rationalisierung und der Erhöhung der Produktivität in einem Betrieb. Das Thema Digitalisierung wird dabei zwischen Kunden, Lieferanten und Dienstleistern unterschiedlich wahrgenommen. Für die Kunden bedeutet es eine erhöhte Transparenz, Vereinfachung und Erleichterung des Lebens im Allgemeinen. Während in den 80er Jahren die Digitalisierung sehr stark auf die internen Prozesse gestützt war, verbessern wir heutzutage die Kommunikation zu unseren Kunden.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Matthias Hartung: Wir entwickeln seit zwei Jahren ein Kundenportal für die Kommunikation mit unseren Gewerbekunden. Diesbezüglich Ideen oder andere Ansichten von den teilnehmenden Studenten der Digital Challenge zu erfahren, wäre äußerst spannend gewesen. Die Studenten haben sich dagegen eher auf die Hausmüllsammlung konzentriert und für diesen Geschäftsbereich neue Ansätze erarbeitet, die wir so noch gar nicht betrachtet hatten. Die eine Gruppe will uns ja auch angreifen mit ihrer Idee dezentrale Beseitigungsanlagen zu errichten, so dass Sammelfahrzeuge obsolet werden. Das ist eine andere, insbesondere auch disruptive, Betrachtungsweise.

Kristina Diener: Die Vereinfachung der Auftragsabwicklung bei unseren Gewerbekunden wäre auch ein spannendes Thema gewesen. Hier fällt mir die Leerung der Behälter ein. Es gibt viele denkbare Möglichkeiten wie Kunden uns ihren Leerungswunsch mitteilen könnten. Ich denke da an QR-Codes, Dash-Buttons etc. Leider finden diese Möglichkeiten bislang nur wenig Anwendung.

Was hat Ihnen an der Digital Challenge besonders gut gefallen?

Matthias Hartung: Ich fand die Gruppe gut, die gesagt hat, wir wollen der Smart City-Dienstleister für die Stadt sein. Die Studenten haben ja zuvor auch mit dem CDO der Stadt Kiel, Jonas Dageförde, gesprochen. Leider hat sich die Gruppe während des Projekts dann aber von vielen anfänglich genannten Ideen distanziert und sich stattdessen nur noch auf einen Teilaspekt konzentriert: der Entsorgung beim Privatkunden. Die Idee dahinter fand ich spannend, nämlich wie wir uns als Unternehmen strategisch aufstellen können. Frei nach dem Motto: Liebe Stadt, wir sind dein Smart City-Partner in allen Bereichen, die für dich als Stadt von Interesse sind. Das umfasst dann nicht nur die Hausmüllsammlung, sondern zum Beispiel auch Kanalisationsdienstleistungen. Ich kann mir vorstellen, dass wir in einigen Jahren keine Menschen mehr finden werden, die regelmäßig in einen Schacht einsteigen wollen. Daher brauchen wir Lösungen, wie diese Schächte automatisiert und digital überprüft werden können. Sowas dann als Smart City-Angebot aufzubauen, finde ich spannend.

Warum war die Hausmüllsammlung ungeeignet für die Digital Challenge?

Matthias Hartung: Der Hausmüll ist ein großer Bereich, wo wir nur Logistiker sind. Es gibt beim Hausmüll schon Überwachungssysteme, die digital mit der Kommune kommunizieren. Für mich sind da andere Bereiche spannender, zum Beispiel die Straßenreinigung. Die Kehrmaschinen fahren nur sechs Stundenkilometer. Sie würden sich gut für autonomes Fahren eignen - vor allem, was den Sicherheitsaspekt angeht.

Smart City ist ein anspruchsvolles Thema. Da kommt die Einbindung der Kommune dazu. Allein Sachen wie das Vergaberecht. Und dann der politische Prozess, in dem Bürger*innen mit eingebunden werden, die Politik Entscheidungen trifft und manchmal nicht immer das optimalste Ergebnis dabei herauskommt.

Matthias Hartung: Wir befinden uns im Vergaberecht, im Preisrecht, im Abfallrecht und im Verkehrsrecht. Wir sind eine Branche, die sehr stark reguliert ist. Wenn man das berücksichtigt, dann sind die Arbeitsergebnisse interessant und spannend. Da entwerfen die Studierenden Ideen wie dezentrale Sammelstellen und dann kommt die Ernüchterung. Denn aus diversen Gründen ist eine Umsetzung nur bedingt möglich. Das zeigt mir auch, dass es eine philosophische Fragestellung ist, wie Politik mit den Ideen von jungen Menschen umgehen möchte, die die Welt anders sehen und betrachten. Aber auch wie Veränderungen umgesetzt werden sollen mit einem Spagat zwischen europäischem, nationalem und lokalem Recht.

Die Digitalisierung durchdringt alle Lebensbereiche?

Matthias Hartung: Ja, aber es bestehen Grenzen. Ältere Menschen sind und werden durch die Veränderungen der Digitalisierung überfordert. Als Dienstleistungsunternehmen müssen wir darauf achten, dass wir mit unseren Kunden weiterhin kommunizieren können. In den 90er Jahren haben wir bereits über einen elektronischen Datenaustausch zwischen Zulieferbetrieben und Auftraggebern gesprochen, sodass die erfassten Aufträge in die Produktionsketten eingebunden werden konnten. Mit der Zeit wurden es immer mehr Informationen. Steigendender Perfektionismus sorgt dafür, dass die Ketten wesentlich flüssiger erfasst werden und dennoch fühlen sich immer mehr Menschen abgehängt, weil auch die Nachvollziehbarkeit unter der Entwicklung leidet.

Aber das bedeutet für mich auch aus Kundensicht denken, also wir bauen unsere Welt sehr häufig für junge Menschen. Auch bei der Digitalisierung. Man müsste hier auch Angebote für Senior*innen schaffen, also aus der Sicht aller Kund*innen denken.

Matthias Hartung: Ja, wir machen einen Spagat zwischen der jungen, dynamischen Bevölkerung und den immer älter werdenden Menschen. Das Problem ist, dass ältere Menschen den Umgang mit den mobilen Geräten nicht gelernt haben und damit überfordert sein können. Wir haben im letzten Jahr einen Betrieb übernommen, wo einige Mitarbeiter erstmalig den Umgang mit der Maus lernen mussten. Zudem wurden deren Kundenbeziehungen noch auf Karteikarten erfasst. Das ist schon sehr lange her, dass ich Basis-Schulungen für die Bedienung einer Maus erlebt habe, es muss 1993/1994 gewesen sein. Im Jahr 2019 gibt es jedoch immer noch Menschen, die in diesem Bereich Schulungsbedarf haben. Das ist eine spannende Herausforderung. Und dann kommt noch hinzu: Was man heute lernt, braucht man in 20 Jahren sowieso nicht mehr. Wenn ich diese Entwicklung sehe, dann ist das die eigentliche Herausforderung. Als Unternehmen müssen wir erkennen, in welche Richtung es eigentlich geht. Was will mein Kunde? Was muss ich ihm heute bieten? Und was in zehn Jahren?

Wir haben zum Beispiel heute schon einen Container-Shop und jeder Privatkunde kann bei uns im gesamten norddeutschen Raum Container digital bestellen. Er muss einfach nur unsere Seite aufrufen. Und ich wage mal die Behauptung, dass maximal ein Prozent der Bestellungen von Containern online getätigt werden. 99 Prozent der Kunden rufen bei uns persönlich an, weil sie auch weiterhin eine persönliche Beratungsleistung wollen und mit der Online-Bestellung eines Abfallcontainers überfordert sind. Wir haben den Shop vor sieben Jahren eingeführt. Damals waren wir absolut überzeugt davon, dass wir den Shop unbedingt brauchen und der Kunde auf jeden Fall den Container digital bestellen möchte. Aber es sieht aktuell etwas anders aus.

Das kann auch daran liegen, dass die Menschen tatsächlich etwas länger brauchen, um diesen technischen Fortschritt für sich zu adaptieren.

Kristina Diener: Ich könnte mir auch vorstellen, dass hier wieder ein Generationskonflikt herrscht. Ich schätze die Mehrheit der Personen, die einen Container bestellen, sind Personen mittleren oder höheren Alters. Ich bin jetzt knapp 30 und bisher noch nicht auf die Idee gekommen, mir einen Container zu bestellen, weil ich kein Haus besitze, das ich abreißen oder sanieren könnte. Wenn ich aber in der Situation wäre, dann würde ich persönlich im ersten Schritt online schauen, zumal der Container-Shop gut aufgebaut ist. Da kann man grafisch aufbereitet sehr gut erkennen wie groß ein 7- oder ein 22-Kubik-Container ist. Auch die Abfallfraktionen sind gut beschrieben. Ich denke es ist eine Frage der Zielgruppe. In 10 oder 20 Jahren wird der Anteil der Personen, die über den Containershop bestellen, schon deutlich größer sein als heute.

Matthias Hartung: Das ist die Kunst heute zu erkennen, was morgen ist. Ich muss mir kontinuierlich die Frage stellen, wo die Kunden sind und wo wir am meisten Geschäft generieren. Denn als Unternehmer geht es mir natürlich um den unternehmerischen Erfolg. Ich bin nur dann erfolgreich, wenn ich mit meinen Dienstleistungsangeboten den Kunden begeistern kann und dazu gehört auch die Frage, womit ich den Kunden in 10 Jahren begeistern kann. Vor 20 Jahren hat es gereicht, dass wir pünktlich beim Kunden waren und mit einer hohen Zuverlässigkeit den Abfall abgeholt haben. Aber dies hat sich gewandelt. Ich kann mir auch vorstellen, dass mit einer entsprechenden Verjüngung die Ansprüche, digitale Serviceleistungen zur Verfügung zu stellen steigen werden und die Kunden mehr Vereinfachung anstreben.

Welche Ansprüche sind das?

Matthias Hartung: Vor 20 Jahren war es Usus, für einen Auftrag anzurufen oder ein Fax zu schicken. Morgen könnte es sein, dass es nicht mal mehr die E-Mail gibt, sondern Dashbuttons oder Apps. Also der Kunde drückt dann einen Knopf in einer App, wenn er den Behälter abholen lassen will. Bei den Apps haben wir aber auch schon die Erfahrung gemacht, dass unsere gewerblichen Kunden schon zehn verschiedene Apps von zehn verschiedenen Dienstleistern auf dem Telefon haben und keine mehr haben möchten. Und das zeigt mir, wie vielfältig die Lösungsansätze heute sind. Es gibt nicht den einen Weg, sondern viele Betrachtungen.

Wir tasten uns sozusagen an die Zukunft heran?

Matthias Hartung: Ja genau.

Ist da vielleicht ein Portal die Lösung, das alle Apps vereint? Sowas wie eine Kiel App?

Matthias Hartung: Sind lokale Apps für bundesweit agierende Unternehmen die Lösung? Ich glaube, wir brauchen etwas, was unisono bedient werden kann.

Vielen Dank für das Interview

Die Remondis Regio Nord war Teilnehmerin bei der Digital Challenge 2019. Im Zuge der einwöchigen Veranstaltung haben zwei Studierenden-Teams neue Geschäftsmodelle entwickelt und Remondnis Regio Nord auf den digitalen Prüfstand gestellt.